Vermessenheit

Rainer Paris definiert in seinem Artikel Bescheuertheit neben eben der Bescheuertheit, auch die Verblendung, Verbohrtheit, Verbiesterung und die Verstiegenheit… was er leider vergisst, ist die Vermessenheit.

Vermessenheit lernen manche – provokativ gesagt – im Soziologiestudium.

Viele Soziologen neigen nämlich – in meinen Augen – dazu ihre Gedankengänge so auszudrücken, dass sie nur schwerlich nachzuvollziehen sind. Soziologische Essays setzen es oft voraus, studiert zu haben, am besten Soziologie. Das hat nichts mehr mit stilistischer Perfektion zu tun. Das ist – in meinen Augen – einfach nur vermessen. Für den Ottonormalverbraucher ist es oftmals mühselig, überhaupt zu erfassen, was der Autor uns mitteilen will.

Die Bekleidung der Gedankengänge in wunderbare Worthülsen1 macht es mir als Leser eben schwer, nachzuvollziehen, ob das Beispiel auch wirklich verdeutlicht, was der Autor postuliert. Schlicht und einfach wie ich denke, kann ich an manchen Stellen nur langsam entschlüsseln, welche Gedankengänge der Autor überhaupt entwickelt und wie die Gedankengänge zusammenhängen sollen (in meinen Augen als eine stilistisch getarnte Beleidigung).

In anderen Fächern lernen die Studenten, sogar für wissenschaftliche Artikel den Leser durch den Text zu führen. Einfach und verständlich sollen die Texte sein, damit die Gedankengänge oder Argumentationen nachvollzogen und ggf. auch diskutiert werden können.

Aber in der Soziologie lernen die Studenten scheinbar, dass sogar journalistisches Schreiben (Essay) bedeutet, den Leser mundtot zu machen. Gegenargumente werden durch die Wortwahl minimiert, denn dem Nichtsoziologen wird der Zugang zu den Gedankengängen durch eben eine abgehobene Wortwahl erschwert.2

In dem hier zitierten Text von Paris werden potentielle Gegner sogar beleidigt, so dass – wie eine selbsterfüllende Prophezeihung – ‘ein Anlass für die Empörung geboten wird‘ und der argumentative Gedankenaustausch schwer fällt, weil zu viele Emotionen mitschwingen. (Aber vielleicht ist das Thema auch einfach zu emotional geladen, ich hatte nämlich auch schon emotionale Zwiegespräche mit Bio, die auch kein Fan von Quotendeutsch ist).

Zurück zur Vermessenheit: Ich folgere daraus, dass die Soziologie es vorzieht, sich großteils in ihrem Elfenbeinturm Soziologie zu bewegen. An einem Austausch mit anderen Disziplinen oder dem Ottonormalverbraucher ist der Soziologie anscheinend weniger gelegen, ansonsten würde sie ihre (wahrscheinlich oft guten Gedankengänge) durch einfachere Wortwahl einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Ich finde diese Art und Weise des Schreibens vermessen, denn sie impliziert, dass der Leser dumm ist, wenn er den Gedankengang nicht versteht. Es lässt sich vergleichen mit dem Märchen Des Kaisers neue Kleider, von Hans Christian Andersen: Der Kaiser traut sich nicht zuzugeben, dass er die vermeintlichen Kleider nicht sieht, denn dann wäre er seines Amtes nicht würdig. Vielleicht trauen sich ja auch manche Soziologen nicht zuzugeben, dass sie nicht alles, was in ihrer Disziplin publiziert wird, verstehen? Mich persönlich bringt ein so geführter soziologischer Diskurs um Gleichheit nicht weiter. Und wenn die journalistischen Essays schon so schwer zu entschlüsseln sind, habe ich auf soziologische Fachartikel noch weniger Lust.

1 “Ein Grundelement [von Bescheuertheit] ist das Double-Bind, Beziehungsfallen also, in denen jedemögliche Reaktion negativ sanktioniert wird und der Betroffene die Zwickmühle weder durch Metakommunikation noch durch Verlassen des Handlungsfeldes auflösen kann.”
2 “Die Realitätskonstruktion der Bescheuertheit ist durch eine eigentümliche Verweisungsstruktur gekennzeichnet.”

5 Antworten zu “Vermessenheit”

  1. Alex sagt:

    Hömma Kurti, warste in Sommerschlaf oder was war los? Hab immer wieder vorbei geschaut und erst jetzt haste wieder was geschrieben!
    Naja, deinen Ausführungen stimme ich auf jeden Fall zu! Vielleicht kommt ja noch die “Verschlafenheit” der Soziologen dazu, weil sie immer wieder einpennen, während sie einen Satz schreiben – dann kommt auch so ein Pamphlet dabei raus!
    Liebe Grüße, Alex

  2. Kurti sagt:

    Ha ha. Machst wohl gerade Erfahrungen mit der Verschlafenheit?! Ich mit ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom). ;) Naja deine Artikel würde ich dennoch lesen und zitieren, wenns passt, hast den Connection Bonus. Wahrscheinlich läuft das eh so im Elfenbeinturm Forschung, ist alles nur Connection Bonus, verstehen — scheiß egal ;)

  3. Alex sagt:

    Das ist sehr lieb von dir Kurti! Du wirst bestimmt nicht abstreiten, dass man erstmal in den Elfenbeinturm kommen muss. Und dazu muss man- wie z.B. bio – auch recht intelligent für sein. Da ich ja auch noch nicht im Elfenbeinturm bin, werde ich versuchen, immer so zu schreiben, dass auch Hasen wie du mich verstehen …
    Erst wenn man dann schon da drin ist, scheint es manchmal so zu sein, dass das Verstehen keine so große Rolle mehr spielt….

  4. Bio sagt:

    Immer wieder faszinierend, wie Sachverhalte unterschiedlich wahrgenommen werden. Ich empfinde unsere Situation als ziemlich ähnlich. :)

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