Es gibt sie noch…

“Zivilcourage, Mut, die eigene Überzeugung zu vertreten.” (dtv-Lexikon, 1973)

In Mittweida hat Anfang November 2007 ein junges Mädchen (17 Jahre) vier Neo-Nazis davon abgehalten, ein 6-jähriges (!) Spätaussiedlermädchen weiter herumzuschubsen. Dabei wurde sie selbst Opfer der Neo-Nazis, die sie dann festhielten und ihr ein Hakenkreuz in den Oberschenkel ritzten. Zahlreiche Zuschauer auf den umliegenden Balkonen hatten nicht den Mut ihr zu helfen. Provokant gefragt: “Oder hatten sie die Überzeugung, dass es richtig sei, was die Neo-Nazis den Mädchen angetan haben?”

Die Frage drängt sich mir auf, in Zeiten, in denen noch nicht mal staatlich bezahlte Polizisten den Mut finden, gegen Neo-Nazis, die Bürger bedrohen, vorzugehen. Denn Folgendes musste Bio am Totensonntag 07 in Chemnitz erleben als sie mit ca. zehn anderen Studenten und Promovenden eine halbe Stunde auf den Anschlusszug nach Leipzig wartete:

Dort hatten sie schon in der Raucherecke die Bekanntschaft mit vier jugendlichen Neo-Nazis gemacht. Diese folgten ihnen dann in den warmen Warteraum, um sie mit rassistischer Musik und verfassungsfeindlichen Symbolen auf ihrer Kleidung, die sie bewusst zur Schau stellten, zu provozieren. Sie hatten wohl den “Mut” gegenüber einer Mehrzahl an Personen, ihre eigene Überzeugung zu “vertreten”. Vielleicht weil sie wussten, dass der Staat, vertreten durch einen Polizisten, auf ihrer Seite war? Aber alles nacheinander:

In ihrem “unterschütterlichen” Idealismus versuchten die Studenten und Promovenden den Neo-Nazis in kurzen Gesprächen über den Vorfall in Mittweida und die im Zentrum der Ermittlungen stehende rassistische Gruppierung, die Selbsterkenntnis zu entlocken, dass Rassismus aberwitzig- stumpfsinnig – ich finde nicht die richtigen Worte – einfach blöd ist. Die Selbsterkenntnis kam natürlich nicht.

Stattdessen bekannten die Neo-Nazis Kontakte zu der Gruppe zu haben. Sie waren aber nicht bereit, Näheres über die Aktivitäten dieser Gruppe zu erzählen. Dadurch war es leider auch nicht möglich, dass sie die Aktivitäten der rassistischen Gruppe mal bewusst reflektierten. Es drängte sich weiterhin der Eindruck auf, dass sie eigentlich nicht richtig informiert waren, über die Aktivitäten dieser rassistischen Gruppe. Dennoch “legten” sie bedeutungsschwanger “die Hand dafür ins Feuer”, dass diese Gruppe es nicht gewesen sei und stattdessen “wieder nur” Irgendwer die Neo-Nazis in der Öffentlichkeit anschwärzen wolle. Nach dieser Ansage, provozierten sie dann weiter. Die Studenten und Promovenden blieben ruhig.

Warum, das weiß ich nicht. Aber einer der Mitreisenden schoss ein Foto, auf dem die vier jugendlichen Neo-Nazis und zwei der Studenten verschwommen abgebildet waren. Als sie dann zum Gleis gingen, sprach ein fünfter Neo-Nazi Jugendlicher mit einem Polizisten. Er hatte sich vorher die ganze Zeit draußen aufgehalten und als die Gruppe an ihm vorbei ging offensichtlich die Faust in die Hand geschlagen.

Danach ging alles sehr schnell. Die fünf Jugendlichen folgten der Gruppe und verlangten von dem Kollegen das Foto zu löschen. Der saß wohl einem ironischen Prozess auf, denn unter diesem Druck – sie wollten in den Zug, die Jugendlichen wollten sie daran hindern und hatten schon leere Bierflaschen provokativ in den Händen – war es ihm so schnell nicht möglich die Löschfunktion seiner Kamera zu finden. Er konnte sich einfach nicht auf das Löschen konzentrieren, da er unter Stress stand.

Die Situation drohte dann weiter zu eskalieren, weil die Neo-Nazis ihm nun die Kamera abnehmen wollten und dafür offensichtlich mit der Bierflasche drohten. Der Polizist sah von einem Abstand von ca. 10m Entfernung zu!

Ein Glück, dass die Gruppe in der Mehrzahl war, so gelang es einem Kollegen dem Neo-Nazi die Bierflasche abzunehmen und sie schafften es den bedrohten Kollegen körperlich unbeschadet in den Zug zu “begleiten”. In ebendiesen Zug folgte ihnen nun der Polizist und forderte sie auf, das Foto zu löschen! Ein Glück, dass der Zug dann auch abfuhr, der Polizist hatte wohl kein Bock auf Leipzig, er stieg dann nach einer kurzen Diskussion wieder aus.

Aber was ist das für ein Zustand, in dem staatliche Vertreter zusehen wie Personen von Neo-Nazis bedroht werden und dann noch den Neo-Nazis zur Hilfe eilen, anstatt den von ihnen Bedrohten?

Um zum Topic dieses Beitrags zurückzukommen. “Zivilcourage, Mut die eigene Überzeugung zu vertreten” … Die Definition greift zu kurz. Auf welche Werte bezieht sich die in der Definition genannte Überzeugung? Nach Gerd Meyer an “humanen und demokratischen Prinzipien” (zitiert nach: Wikipedia, 2007). Das ist, meiner Meinung nach, wichtig zu erwähnen. Zivilcourage ist danach: Mut die eigene Überzeugung, die sich an humanen und demokratischen Prinzipien orientiert, zu vertreten.

In Zeiten, in denen staatliche Vertreter rassistisch motivierte Gewalttaten vertuschen, nimmt der Bedarf an Zivilcourage zu, um an Wertvorstellungen im humanen und demokratischen Sinne immer wieder zu erinnern. Staatliche Vertreter müssen daran erinnert werden, dass sie sich in der Ausführung ihrer Tätigkeit an diesen humanen und demokratischen Wertvorstellungen zu orientieren haben. Tun sie das schon, brauchen sie wiederum unsere Unterstützung durch Zivilcourage. Abschließend danke dem Mädchen aus Mittweida für ihre Zivilcourage und hoffe, dass Bio in ähnlichen Situationen auch den Mut hat so zu handeln!

- dtv-Lexikon (1973): Zivilcourage. Band 20: Walp-Zz, dtv, München.
- wikipedia (2007): Zivilcourage. http://de.wikipedia.org/wiki/Zivilcourage, gesehen am 4.12.2007.

Eine Antwort zu “Es gibt sie noch…”

  1. Kurti sagt:

    Mhm! Jetzt hat das Mädchen den Übergriff wohl nur vorgetäuscht. Da war ich wohl zu schnell mit meinem Urteil gegenüber den Anwohnern. Dafür möchte ich mich hiermit entschuldigen.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,524050,00.html