Wunder im Hausflur

Heute hat Bio einen recht gesprächigen Sitznachbarn im Zug gehabt. Einen konservativen jungen Mann, der seine Jugend in einem katholischen Männergymnasium und im Domchor von Aachen verbracht hatte. (Letztere Info dient nur zur Untermauerung der Vorurteile die vielleicht noch kommen werden – ;) , bezieht sich also nicht auf die Skandale, die die katholische Kirche gerade durchläuft, es gab/gibt schließlich auch noch tausende katholische Jugendliche, die nicht sexuell belästigt wurden).

Nachdem Bio den Rechner hochgefahren hatte, um zu arbeiten, las er ungeniert mit, lachte – vielleicht über Bios schreckliches Englisch – und quatschte sie dann an, wofür das sei und worum es ging. Bevor er dann eine Lobhudelei auf den Leistungsgedanken hielt, hielt er Bio von ihrer Leistung ab, in dem er immer wieder provozierende Statements über die Faulheit von Hartz IV Empfängern und Legasthenikern, die Dummheit von Migrantenkindern und auch Menschen, die heutzutage promoviert werden dürfen ;) sowie die Rolle der Frau für die Kindererziehung in den Raum warf eher schmiss. Bio sah sich also gezwungen längere Monologe über Solidarität, Chancengleichheit, soziale Vergleichsmöglichkeiten in Ghettos und deren Auswirkung auf mehr oder – eher – weniger kreative Lösungswege zur gesellschaftlichen Teilhabe sowie über Verlust-Aversion zu halten.


Im Verlaufe des Gesprächs stellte sich dann an Punkten über gesunde Lebensmittel, faire Preispolitik zu diesen Lebensmitteln, den tragischen Verlust des Einzelhandels durch Filialisten und Einkaufszentren sowie die Bedeutung dessen für den Verlust von Wissen (z.B. Spezialisierung der Bäcker auf wenige Rezepte, die nur noch als Backmischung existieren und somit auch Verlust von kulturellem Wissen) Einigkeit zwischen ihm und Bio ein. Er entstammte einem Konditorhaushalt und diese kämpfen ja bekanntlich ums überleben, weil Filialisten mit Billigbackwaren den Markt übernehmen.

Was aber bleibt, ist die Frage, warum Jemand, dem der Leistungsgedanke so wichtig ist und der von sich behauptet, viel zu leisten, so gar nicht offen für die Leistung anderer ist und sich auch nicht überzeugen lässt? So motzte er nur pauschal über z.B. einen Legastheniker, der sich auf seiner Diagnose ausruhe. Warum ist es nicht legitim, dass der Legastheniker das Rechtschreibprogramm des Textprogramms nutzt? Muss er sich weiter quälen? Er kann doch trotzdem einen guten Job machen. Und so wie er für sich beanspruchte, dass die katholische Kirche, ihm viel ermöglicht hätte und dies in der Diskussion um den Kindesmissbrauch vergessen würde, vergaß er im gleichen Atemzug, dass es wahrscheinlich tausende Hartz IV Empfänger gibt, die sich immer wieder aufraffen und das Beste aus ihrer Situation herausholen. Nur diese Beispiele sind ja langweilig für die Medien, über die wird nicht berichtet. So will ich mal ein paar Wunder unserer Leistungsgesellschaft aufzählen:

- O., Hartz IV Empfänger, immer wieder auf der Suche nach neuen 1 Euro Jobs, damit er was tun kann, schreibt seine Memoiren, steckt nie den Kopf in den Sand und bezahlt seinem Sohn die Nachhilfe, damit dieser mal bessere Chancen haben kann.
- E., lange arbeitslos, zwanghaftes Essverhalten, dennoch humorvollen Blick auf das Leben in ihrem Blog.
- W. 2 Kinder und unterbezahlten 60-70 Stunden Job im Metzgergeschäft ihres Bruders, damit dieser irgendwann die Schulden für die Geschäftsaufnahme abtragen kann.
- I. 40 Stunden Woche bei einem Mobilekonzern und danach Arbeit im Restaurant ihres Mannes, damit das irgendwann mal schwarze Zahlen schreibt.

Weswegen ich jetzt bloggen muss, es nervt mich einfach so dermaßen dieses Leistungsgelabere. Menschen, die viel leisten, umgeben uns täglich. Wir hantieren täglich mit Wundern, die uns die Natur und eben auch unsere Mitmenschen zur Verfügung stellen. Wir müssen uns endlich mal vor Augen führen, dass es nicht normal ist, dass wir jeden Tag drei abwechslungsreiche Mahlzeiten auf den Tisch bekommen. Verdanken können wir das wahrscheinlich der Arbeitsteilung. Leider vergessen wir dadurch, was es für ein Aufwand ist, ein Schwein zu schlachten und wollen dieses Schwein immer billiger haben. Das wird dem Schwein nicht gerecht und den Menschen, die es für uns schlachten auch nicht. Dadurch treiben wir doch Menschen in die Arbeitslosigkeit. Hilfsarbeiterjobs sind rar, weil lieber billig mit Maschinen produziert wird. Eine gute Schulbildung für alle wollen wir auch nicht… Und dann wird den Verlierern der Gesellschaft noch vorgeworfen, sie leisteten nix.

Weiterhin schauen wir ohne darüber nachzudenken z.B. im Zug aus dem Fenster. Es ist ein Wunder, dass Menschen entdeckt haben, dass man mit Sand so etwas Tolles wie Glas herstellen kann. Doch wir übersehen dieses Wunder! So ist es auch eine besondere Leistung, wenn Frau W. im Hausflur dafür sorgt, dass Bio das Wunder Glas auch entdecken kann, weil es schön glänzt.

2 Antworten zu “Wunder im Hausflur”

  1. Robert sagt:

    :-)
    sehr schön!!

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