Reisebericht Budapest 2006/2007

Wartburg

So seit gestern Abend bin ich aus Budapest wieder zurück und was ich da erlebt habe möchte ich Euch nicht vorenthalten. Im Rucksack war ich natürlich bei allen Touren von Bio und Yosh dabei ;)

Am Samstag kamen wir dann, nach dem der Flug eine Stunde Verspätung hatte, endlich um halb sechs in Budapest an. Ein Glück, dass Robert uns abholte. Denn mit dem Bus ging es nun zum nächsten Bahnhof (Kispest) und der wurde vor kurzem noch von einer ungarischen Zeitung als „Endstation der Zivilisation“ bezeichnet. Unser erster Eindruck von Budapest wurde also von einem riesigen Sowjetbau in orange geprägt. In diesem vertrieb sich das Budapester abgehängte Präkariat die Zeit mit tröten. Ja mit tröten. In Budapest kann man nämlich zu Silvester überall an Straßenständen riesige Tröten kaufen, die aussehen wie Schultüten. Diese Tröten werden dann zu Silvester geballt eingesetzt um die Stimmung anzuheizen.

 

Von diesem Bahnhof ging es immer tiefer in das brodelnde Leben des Budapester Untergrunds. Die Metrostationen sind oft sehr tief, da diese in den Zeiten des kalten Krieges der Bevölkerung als Atomschutzbunker Sicherheit gewähren sollten. Damit man keine Zeit durch den langen Weg in den Untergrund verliert, fährt die Rolltreppe etwas schneller durch die vielen Erdschichten als man es in Deutschland gewohnt ist. Deshalb war Bio während der Rolltreppenfahrt damit beschäftigt den Absprung von der Treppe mit Koffer vorzubereiten, um peinliche Stolperaktionen zu vermeiden.

 

Nachdem wir dann unser Apartment auf der Wesselényi mitten im jüdischen Viertel bezogen hatten, holte Robert uns wieder ab und wir gingen in die wundervolle Kneipe Szimpla Kert um die Ecke auf der Kazinczy. Betreten haben wir die Kneipe durch einen Flur. Erst dachte ich wir betreten hier eine Wohnung. Da saß Jemand in dem dunklen Flur rum und schaute uns an, als hätten wir gerade unerwartet sein Privathaus geentert. Die Kneipe selbst erstreckt sich über mehrere alte Wohnräume und einen Hinterhof. Die alten Möbel sind zusammengeschustert. Das Bild stimmt. Zu den nackten Wänden und dem Grün passen die Möbel super. In einem Raum wurden Filme gezeigt. Sie spielten Doors, Chili Peppers und elektronische Sachen. Und… man sollte es nicht meinen, die Musik war angenehm laut. Es war eine Kneipe und man konnte sich unterhalten. Goil. Bier hat man sich an der Theke besorgt. Dreher vom Fass, 1/2 Liter kostet nur 1,30 Euro. Für uns also ein Schnapp. So setzten wir uns an einen Tisch mit ganz unterschiedlichen rostigen aber gemütlichen Stühlen und ließen die ungewohnte Umgebung auf uns wirken. Irgendwann startete dann noch zu einem ungarischen Volkslied eine Polonaise.

Am nächsten Tag machten wir uns mit der Stadt vertraut. Wir nahmen zum ersten Mal wahr, dass wir wirklich mitten in der Innenstadt wohnten. Es war alles schnell zu erreichen. So wanderten wir zur Donau und den Gellértberg hinauf. Da es etwas diesig war, blieb uns die Sicht auf die Plattenbauten, die neben der schönen Altstadt liegen, erspart. ;)

 

Wieder unten angekommen wollten wir einen Kaffee trinken und eventuell eine Kleinigkeit essen. Wir wurden direkt mit den fortschrittlichen Budapester Dienstleistungsgebahren konfrontiert. Dem im Dienstleistungsbereich schaffendem Ungarn ist wohl aufgrund seiner Erfahrung mit zwei totalen Systemen gewiss, dass der Kunde nicht der König ist. Am Ende der Einkaufsstraße Váci utca kurz vor der großen Markthalle fanden wir Cafés mit ein paar leeren Tischen. Da wir nur etwas trinken wollten, gebot die Bedienung des ersten Cafés uns nur zehn Minuten sitzen zu bleiben. Darum suchten wir uns ein anderes Café. In diesem wurden wir dann grimmig bedient und als klar wurde, dass wir kein großes Menü, sondern nur einen Kaffee, einen Kakao und einen Palatschinken nach Gundelart bestellen, schaffte es der Kellner sogar seine Gesichtszüge noch grimmiger wirken zu lassen. Das Motto „mache den Kunden durch Unfreundlichkeit gefügig“ hat bei uns keinen weiterem Konsumwunsch ausgelöst. Hier hat uns das kapitalistische System mit Konkurrenzkampf wohl schon zu sehr geprägt.

Am Abend fuhren wir dann zu Robert und Tom. Wir glühten ein wenig mit zwei Flaschen Sekt vor bevor wir uns in die Stadt aufmachten, um in der Discothek Candy Silvester zu feiern. Um zehn Uhr sollte der Shuttlebus kommen, um uns abzuholen. Zuerst gingen wir in die Kneipe Habroló Bisztró, wo Robert die Karten für die Party gekauft hatte, um zu erfahren wo der Bus uns einsammelt. Der Kellner teilte uns nach einem Telefonat mit, dass der Bus erst um halb elf an der Straßenecke halte. So beschlossen wir in der Kneipe noch ein Bier zu trinken. Dann verging die Zeit auch wie im Flug. Robert rannte noch einmal zur Toilette … Dafür hatte der Busfahrer aber kein Verständnis. Er konnte an der Shuttlebushaltestelle nicht lange stehen bleiben und fuhr deshalb direkt weiter. Also blieb uns nichts anderes übrig als ein Taxi zu nehmen. Der Einlass war wie am Flughafen: Metallsachen rausnehmen und mit einem Detektor „abtasten“ lassen. Die Disko im 4. Stock bot uns super Housemusik und nette Männer zum Anschauen. Yosh konzentrierte sich dafür auf die kühle Blonde. Das Tanzen hat richtig Spaß gemacht. Und das Beste, Frauen mussten nicht an der Toilette anstehen ;) Auf dem Nachhauseweg waren die Straßen schon wieder sauber. Viel geknallt wurde wohl wirklich nicht.

 

Am nächsten Tag haben wir erst ziemlich lange im Apartment rumgehangen bevor wir uns dann auf in den Regen machten. Wir liefen die Erzsebét krt. vom Lujza ter bis zum Nyugati pályaudvar (Westbahnhof) und schauten uns die schönen Häuserfassaden an. Abends wollte Bio in eines der alten Kinos gehen. Im Puskin sollte auch ein Film in englischer Sprache (Scoop) laufen. Doch Yosh hatte Roberts Bemerkung, dass in diesen Kinos eher intellektuelle Filme laufen, sehr abgeschreckt und so konnte er natürlich, nachdem der Kartenverkäufer auch noch etwas schroff antwortete, nicht mehr in das Kino gehen. Hätte ich vorher gewusst, dass es ein Woody Allen Film ist, hätte ich ihn vielleicht überzeugen können. Aber wir suchten dann halt nach einer Kneipe zum Essen, die uns allen zusagen sollte. Da verging so einige Zeit. Unsere Vorstellungen über eine gute Kneipe gingen etwas auseinander. Zuletzt konnten wir uns auf eine niederländische Kneipe (Amstel River Café) einigen. Essen und Bedienung waren auch sehr gut. Yosh verlor noch ein Stück Zahn am zarten Steak. Die Kellnerin kriegte das entsetzt mit, aber Yosh versuchte ihr mit dem Trinkgeld zu versichern, dass der Zahn schon in Deutschland wackelte.

Am Dienstagmorgen wollte Bio das jüdische Museum besuchen. Dass das Museum geschlossen war, erfuhr sie erst am Ende der Führung. In der Synagoge wurde ihr dann eine Kippa in die Hand gedrückt. Verdutzt sah sie den Mann an, der ihr die Kippa gab. Dieser riss ihr die Kippa auch wieder aus der Hand und entschuldigte sich, da sie nur für Männer ist. Etwas frustriert beschloss Bio bald wieder zum Friseur zu gehen und die Wimpern färben zu lassen.

 

Später begegneten Bio und Yosh einer alten Dame, die mit Hingabe einen Taubenschwarm fütterte. Ein kleiner, brauner, pfiffiger Hund wartete bis alle Tauben sich um die Dame versammelt hatten und rannte dann blitzschnell mitten in die Taubenmenge, so dass alle aufschreckten. Dies Schauspiel wiederholte sich ein paar mal, bis die Dame fuchsteufelswild ihren Einkaufswagen in Richtung des Hundes schwang. Dadurch wurde die Hundebesitzerin auch ungehalten und die beiden stritten laut miteinander. Es war wunderbar.

 

Robert zeigte uns am Nachmittag seine Universität. Er musste noch eine Hausarbeit abgeben und Noten eintragen lassen. Letzteres schaffte er an diesem Tag nicht mehr, da er die Dozenten nicht vorfand. Bei der Hausarbeit hatte er Glück „schnell“ dranzukommen, weil er einer der wenigen Studenten war, die die Arbeit auf einer CD dabei hatten. Der Professor hatte sich entschlossen erstmal die CDs einzusammeln und auf den Rechner zu spielen. Alle anderen konnten ihre Hausarbeit auf Papier noch nicht abgeben.

 

Danach machte Robert mit uns eine Stadtführung. Wir fuhren viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und waren begeistert von der alten Budapester Metro und dem Metrojingle. Er zeigte uns den Liszt-platz, welcher eine Reihe von Caféhäusern beherbergt.

Am Ende des Liszt-platzes hatte ein Wohnungseigentümer die Fassade seiner Wohnung wunderschön neu gestrichen. Dies fiel umso mehr auf, da die Eigentümer der Nachbarwohnungen ihre Fassaden unberührt im Originalton von 18xx ließen. Wir gingen noch zum Parlament, das leider noch von den Unruhen abgesperrt war. Wir besichtigten den Heldenplatz und das Stadtwäldchen mit der Vajdahunyad Burg, die viele für Budapest typische Baustile beinhaltet und auf deren Burgraben man Eislaufen kann. Von dort trat Robert den Nachhauseweg an und wir fuhren noch zur großen Markthalle, in der leider die kleinen Kaufstände schon schlossen. So erledigten wir unsern Einkauf im Supermarkt unter der Markthalle. Dort packte Bio eine Plastiktüte, in der ein halber Liter Sole enthalten sein sollte, mit der Annahme, dass Sole Milch sei. Um sicherzugehen fragte Yosh ein Paar, dass auch in dem Laden einkaufte. Die bestätigten uns entgeistert, dass in dem Beutel Milch ist. An der Kasse konnten wir dann noch ein wunderbares Schauspiel miterleben. Schade, dass Robert nicht da war, er hätte es uns übersetzten können. So rätseln wir noch immer, worum es ging. Eine Kundin rastete total aus. Die Türsteher wollten sie rausschmeißen, doch sie hatte einen Wisch in der Hand, durch den sie anscheinend machtlos waren. So schrie die Kundin die Türsteher und eine Mitarbeiterin richtig zusammen. Nach ca. fünf Minuten (wir verließen nun den Laden) war der Eklat immer noch im vollen Gange.

Mittwoch war leider auch schon der letzte Tag. Yosh und Bio stiegen noch den Burgberg hoch zur Fischerbastei, der Matthiaskirche und dem Burgpalast. Der Tag war sonnig und klar, so dass sie von oben richtig weit auf Pest schauen konnten. Der Ausblick war toll. Bio ließ sich noch ein paarmal posierend von Jörg fotografieren, um ihren japanischen Brieffreundinnen eine Freude zu machen. Auf dem Rückweg teilte Robert ihnen am Mobiltelefon mit, dass er ein günstiges, gutes Restaurant gefunden hätte. Wirt trafen ihn am Westbahnhof und er brachte uns dann zu der kleinen Kneipe Patkó Bandi auf der vaci ut. Es war eine gemütliche Kneipe mit freundlicher Dienstleistung, die im Mittagsbuffett Hühnchen, Hurka, Gemüseeintöpfe und andere gute Sachen zum günstigen All-you-can-eat-Preis anbietet. Leider hat das folgende Ereignis die gemütliche Stimmung etwas getrübt. Yosh und Bio hatten trotz günstiger Preise nicht genug Geld dabei. Gegenseitige Schuldzuweisungen lösten das Problem nicht, so suchte Yosh die nächste Bank auf und tauschte Geld. Schnell bezahlten wir dann und verließen peinlich berührt das freundliche Personal.

 

Yosh ging nach Hause und Bio besichtigte noch die Margareteninsel, auf der sie Robert noch mal traf, der in der Zwischenzeit dort für eine Prüfung gelernt hatte. Danach tranken sie noch in einem Teehaus einen Früchtetee.

 

Abends fuhren Bio und Yosh zu Robert und Tom, um den letzen Abend gemeinsam mit Dreher Flaschenbier vom Kiosk zu verbringen (1 Euro pro 1/2 Liter). Hier zeigte ihnen Tom noch einen witzigen ungarischen Werbespot aus den 80ern „Esst Hurka“.

 

Donnerstag besuchten Bio und Yosh vor dem Weg zum Flughafen noch ein Wiener Kaffeehaus in der Nähe der Oper auf der Andrássy, wo sie ein Stück Kuchen aßen und Kaffee tranken. Dann ging es über die „Endstation der Zivilisation“ wieder zum Flughafen. Am Flughafen wurden wir dann zum Abschied noch mal mit dem Organisationstalent der Ungarn konfrontiert. Sie öffneten genau die gegenüberliegenden Schalter für zwei Flüge, obwohl alle anderen Schalter frei waren. So reichte also die Schlange für den Schalter nach Dortmund bis zum Schalter für Köln. Deshalb war die Schlange für Köln etwas schlängelig schief. Das rafften aber die Wenigsten. Wir standen eigentlich an dritter Stelle, froh das Gepäck bald los zu sein. Aber zwei reiche Yuppis mit Tierfell waren gemeinsam mit vier weiteren Yuppis gereist, die dann natürlich gleichzeitig einchecken mussten. Ein junger Mann drängte sich dann auch vor, und hatte auch noch fünf weitere Personen dabei, deren Gepäck nun mit aufgegeben werden musste und zu guter Letzt drängte sich eine Tussi vor, die wir noch nie vorher gesehen hatten, mit den Worten: „Ich war die ganze Zeit vor Euch.“ Da flippte Bio nun völlig genervt aus und entlud den ganzen Frust über die Vordrängelei bei ihr. Diese antwortete, dass sie schließlich endlich ihr Gepäck loswerden wolle. Ein schlagendes Argument.

4 Antworten zu “Reisebericht Budapest 2006/2007”

  1. Jörg sagt:

    Hallo, mein Fazit: Ungarn essen für Ihr Leben gerne Eingeweide. Nach dem in Speck eingewickelten Schweineherz hat es mir die Hurka-Wurst (unbedingt obiges Video anschauen!) angetan ;-)
    War eine super Tour, danke an bio, robert, tom und germanwings. Und an Hurka!

  2. Great – I should definitely pronounce, impressed with your website. I had no trouble navigating through all the tabs and related information ended up being truly simple to do to access. I recently found what I hoped for before you know it at all. Quite unusual. Is likely to appreciate it for those who add forums or something, website theme . a tones way for your client to communicate. Nice task..

  3. Nice post. I study something more difficult on completely different blogs everyday. It would at all times be stimulating to learn content material from other writers and practice somewhat one thing from their store. I’d favor to make use of some with the content on my weblog whether or not you don’t mind. Natually I’ll give you a hyperlink on your net blog. Thanks for sharing.

Hinterlasse eine Antwort